Abschied - Gedanken einer ehemaligen Ballettschülerin

Esther Harke in Der verzauberte Puppenladen | Ballettwerkstatt 27 am 21.03.2010
Am
Sonntag fiel der Vorhang. Als der Schlussapplaus erklang, war es auch ihr
letzter Auftritt auf dieser Bühne. The show must go on - das mussten wir Schülerinnen
an diesem Tag wirklich und wahrhaftig lernen.
"Ihr
macht die Aufführung, aber ohne mich!" war die letzte Anweisung unserer
Chefin. Und wir befolgten sie. Wir tanzten bis zu ihrem letzten Atemzug. Sie
verstarb noch am Vorstellungsabend.
Ob sie mit uns zufrieden war, werden wir nicht mehr erfahren. Aber ich glaube, ich
kann guten Gewissens sagen: Sie war es wohl nicht.
Denn
wann war sie das jemals - zufrieden? Immer hätte es noch besser sein können,
oder anders, oder ganz neu. Fertig war sie nie. Jede Werkstatt war eine
Neuerfindung, eine neue Welt, die sie schuf, voller Leben, voller Ideen, voller
Energie.
22
Jahre durfte ich Teil dieser Welten sein - und Zeugin von unheimlicher
Kreativität und Rastlosigkeit, die Frau Thormaehlen antrieben. Noch bevor wir
die eine Werkstatt aufgeführt hatten, hatte sie die nächste schon komplett im
Kopf - Musik, Libretto, Kostüme. Dann saß sie stunden-, nein tagelang an ihrem
Schreibtisch und nähte, bis ihr die Finger bluteten, an Kostümen und Vorhang.
"Probt alleine, ich muss nähen", hieß es dann manchmal.
Jedes
Jahr zauberte sie ein neues Spektakel auf die Bühne, immer war die Musik
kraftvoll und ausdrucksstark, manchmal ein wenig eigen. So erinnere ich mich
z.B. an den verzauberten Puppenladen, als wir uns als tanzende Puppen zu den
schrägen Klängen von Nina Hagen bewegten, bei denen das Publikum doch ab und an
das Gesicht verzog.
Oder
an die eindrucksvollen Töne von Carl Orffs "Carmina Burana", als wir
in roten Plastiksäcken und rot-schwarzer Körperbemalung über die Bühne fegten.
Auch
den starken Rhythmus des Bolero habe ich immer noch im Ohr und spüre ihn in den
Füßen. Die Choreographien trugen stets ganz klar ihre Handschrift und waren
gleichzeitig so einfallsreich und vielseitig, dass es nie langweilig wurde. Die
Schritte übte sie dann mit uns ein, mit ihrer unverkennbaren ehrlichen Art.
"Was machst du denn da, Carolin?" "Kannst du nicht mal 'n
bisschen abnehmen, Franzi?"
So
war sie eben, ein bisschen ruppig und launisch, damit musste man klar kommen.
"Spaghettibäuche und Hühnerpopos einziehen!", befahl sie uns schon
früh. Ein Blatt vor den Mund hat sie nie genommen. Aber genau das mochte ich so
an ihr. Man wusste immer, woran man ist; man bekam von ihr nichts geschenkt,
sondern musste es sich verdienen. Bis zuletzt blieb sie Perfektionistin und
trieb uns an, ihre Ideen so umzusetzen, wie es ihr vorschwebte. Für eigene
Vorschläge war kein Raum, dafür war sie zu stur, zu eigenwillig. Es musste so
gemacht werden, wie sie es wollte. So auch ihr Abschied von uns:
"Lasst
mich doch einfach mal in Ruhe!"
Das alles wird uns fehlen.
Esther
Koch, geb. Harke
Vortrag zur Gedenkveranstaltung am 18.11.2012